29.10.2020

Nicht nachdenken, einfach machen

Kirsten Krauthäuser feierte ihre Premiere beim 4. Frankfurter Greffelründsche und berichtet von 300 Kilometern Abenteuer.

Ein Blick auf den GPX-Track und die ersten Gedanken sind „verrückt“, „bekloppt“, „Wahnsinn“, aber nach ein bisschen Streckentesting erscheint es dann auch irgendwie „herausfordernd“, „interessant“ und „mal was anderes“ und Spaß macht es auf jeden Fall. Also eine bescheuerte Idee… Oder doch einfach nur genial und einen Versuch wert?

Kurzentschlossen mache ich Nägel mit Köpfen, melde mich nach, überlege in Windeseile, was so alles mit muss, mache noch einen Nachtfahrcheck, denn ich bin noch nie im Dunkeln auf Tour gewesen. Ich zerbreche mir den Kopf über eine Zeitplanung, die sich sowieso nicht erfüllen wird, und plötzlich ist auch schon Samstag 7 Uhr und ich stehe gemeinsam mit Vereinskollegin Ronja und ihrem Bekannten Daniel an unserer gewählten Startlinie. Coronabedingt wurde für das 4. Frankfurter Greffelründsche der gemeinsame Start um 6 Uhr am Main abgesagt und für Flexibilität geöffnet.

Herausfordernde Strecke

Und dann geht es los: Durch nächtliche Straßen, kleine Trampelpfade durch Garten- und Parkanlagen, nicht nur rechts und links, sondern auch bergauf und bergab, schnell ist der Puls schon auf anständigem Niveau, ab und an finden wir eine Abbiegung im Dunkeln nicht, aber unsere Navigationsgeräte ermahnen mit eindringlichem Piepen verlässlich. Schon nach zehn Kilometern sind die Räder verschlammt und es ist noch nicht einmal hell, dass man die blitzenden Bikes hätte bewundern können.

Kurze Zeit später dürfen wir den Sonnenaufgang von der Brücke über die Frankfurter Straße bewundern. Nun wird es immer heller und wir können die folgenden Tücken der Strecke, wie matschige Rutschpartien, Maschendrahtzaun auf Kopfhöhe, liegende Äste, aber auch tolle Trails durch Waldstücke und Wiesen, erfolgreich meistern. In Bergen eröffnet sich ein weiter Blick über das Enkheimer Ried, der Himmel noch etwas wolkenverhangen, aber die herbstlich gefärbten Bäume leuchten uns entgegen. Es geht bergab, durchs Ried hindurch, um anschließend über knifflige Pfade durch Gartenanlagen und lange Treppenwege wieder den Berg hinauf zu kämpfen.

Eine Panne und weiter geht’s!

Belohnt werden wir auf dem Lohrberg mit strahlendem Sonnenschein und einem entsprechend ergreifenden Blick auf die Frankfurter Skyline, die per Luftlinie gar nicht so weit weg ist. Kurz vor dem Huthpark ereilt mich dann leider eine Reifenpanne. Ein verrosteter Nagel möchte ein wenig mitfahren, was meinem Hinterrad aber nicht gut gefällt. Es verweigert die Weiterfahrt. Der notwendige Schlauchwechsel gestaltet sich etwas zäh und kostet mich einen Reifenheber, zwei Schläuche, eine Luftpumpe, ein Ventil und uns gemeinsam einiges an Zeit – dankenswerterweise stehen wir diese Panne zusammen durch.

Frankfurter Stadtteile erleben

In Bornheim werden die Wasserflaschen aufgefüllt und dann geht es hinunter nach Fechenheim an den Main. Auf dem Weg von Rumpenheim nach Frankfurt nehmen wir zur Abwechslung mal Speed auf. Es wirkt fast befreiend, nach dem engen Zickzack der letzten Stunden und düsen bei schönstem Oktoberwetter in Richtung Frankfurt, dem offiziellen Ziel entgegen. Für uns ist das aber nur eine kleine Foto-Zwischenstation und wir begeben uns ohne große Pause auf den nächsten Teil.

Zunächst schlängeln wir uns weiter am Main westwärts – es sind an diesem schönen Samstag doch ein paar Menschen und Hunde unterwegs. In Schwanheim wäre es nur ein Katzensprung nach Höchst an das Ende dieses Abschnitts. Aber das ist nicht das, was das Navi erlaubt und wir würden auch einen sehr schönen Teil der Strecke verpassen. Also geht es zurück in die Innenstadt und von dort zur ausgiebigen Pizzapause nach Oberrad.

Gestärkt, aber doch schon zu recht fortgeschrittener Uhrzeit geht es nun auf die Stadtwaldrunde über Goetheturm, Langen, Neu-Isenburg, Langener Waldsee, um den Flughafen herum und durch den Schwanheimer Wald nach Höchst. Ein bunter Mix aus Waldautobahnen, Singletrails, Waldstücken, Seen und offenem Gelände sind eine wahre Freude. Leider, wenn auch nicht überraschend, wird es viel zu schnell dunkel und die Fahrt lebt von anderen Eindrücken als bei Tageslicht. Solange der Gravel unter den Reifen knirscht und die Scheinwerfer alles geben, die Wege auszuleuchten und bizarre Bilder zeigen, sind wir in unserem Element. Ein Hoch an dieser Stelle auf meine Helmlampe, mit der ich die Wege schon finden und anleuchten kann, bevor wir dorthin abbiegen. Wenn wir die Abbiegungen mal verpassen, das Navi piepend darauf aufmerksam macht und wir umdrehen müssen, haben wir Gelegenheit, die Geräusche im Wald zu hören. Das vermeintliche Fröschequaken entpuppt sich mit einem Lichtstrahl in zig reflektierende Augenpaare als grunzende Horden von Wildschweinen, die aber zum Glück in ausreichender Entfernung auf Weglaufen ausgerichtet sind.

Raus aus dem Wald, rein in die Stadt

Am Flughafen erreichen wir wieder etwas Zivilisation und nutzen die Pause mit Chips auch gleich für eine Verlängerung, weil nun der nächste platte Reifen grüßt – diesmal aber nicht an meinem Rad – und ich lerne, dass man zwar einen Ventiladapter dabeihaben kann, einem das aber bei defektem Luftgerät an der Tankstelle auch nichts bringt. Gegen halb zwölf in der Nacht erreichen wir Höchst. Zum Glück steht in der Routenbeschreibung, dass auch die Brücke statt der vorgesehenen Fähre erlaubt ist, so dass wir nicht schwimmen müssen.

Nun habe ich schon mein Ziel, die meisten jemals gefahrenen Kilometer zu übertreffen, erreicht und mich trennen noch gute 90 Kilometer vom Finish – mein heimliches Ziel. Ich fühle mich noch fit und der Wille ist stark genug, so dass wir den letzten Teil in Angriff nehmen. Es wird wieder städtischer, die Wegführung zackiger und langsamer. Die Restkilometer scheinen um die 70 zu verharren und ich beschließe, nicht mehr auf diese demotivierende Anzeige zu gucken für eine Weile. Stattdessen wird der magenta-leuchtende Fernsehturm zum neuen Fokuspunkt. Mal sind wir nah dran, im nächsten Moment wieder weit weg. Nachzuvollziehen, aus welcher Richtung ich ihn entdecke und wo ich mich gerade befinde, habe ich längst aufgegeben. Kurz bevor wir genau drunter stehen, verlässt uns Ronja nach Hause. Daniel und ich wollen jedoch durchziehen, auch wenn es langsam anstrengend und etwas zäh wird. In der Stadt geht es Zickzack, westlich von der Nidda spüren wir den Wind deutlich, gefühlt kommt er natürlich meist von vorn. Zahlreiche Igel in der Stadt, unzählige aufgeschreckte Hasen auf den Wiesen entdecken wir in den Lichtkegeln unserer Lampen. An der Raststätte Taunusblick erblicken wir den Taunus wegen Dunkelheit zwar nicht, aber Radfahrer sind dort offenbar auch nicht oft gesehen. Wir versorgen uns nochmal mit Wasser und verschwinden wieder in die Felder. Die Orientierung haben wir völlig verloren. Der Fernsehturm springt weiter von nah auf fern und wieder zurück und ich bin froh, dass mir ein erneuter Blick auf die Restkilometer zeigt, dass es doch irgendwie voran geht.

Aufgeben ist jetzt keine Option mehr.

Kirsten Krauthäuser

Kurz vor Ende erreichen uns nächtliche Anfeuerungen. Mein privates Taxi nach Hause ist schon da und wartet. Wir freuen uns, dass wir es bald geschafft haben werden. Leider haben wir die Rechnung ohne Kens Routenplanung gemacht. Es wartet noch ein „interessanter“ Nordschleifen-Trail auf uns. 5 Kilometer, die es nochmal in sich haben. Erst auf nicht gut erkennbaren Wegen bergauf durch den Wald, oben angekommen keine Entspannung, weil der größte Teil der „Abfahrt“ so ruckelig ist, dass man trotz Gefälle noch ordentlich treten muss. Aber Aufgeben ist jetzt keine Option mehr. Die letzten Kilometer weisen nur noch wenige Komfortstörungen auf und ENDLICH erreichen wir wieder die Brücke am Niddaplatz.

Ein Wahnsinn! Eine (w)irre Streckenführung, die bis zur völligen Orientierungslosigkeit führt, verwinkelte kleinste Durchfahrten durch Frankfurts grüne Ecken bis hin zu Trails und Rennpassagen durch die Natur. Da es ja unbedingt der Oktober sein musste für die Premiere, sind jetzt auch fundierte Kenntnisse im Nachtfahren vorhanden. Wenn man mir zwei Wochen zuvor gesagt hätte, dass ich mich knapp 17 Stunden (mit Pausen 23) auf irrsinnigen Wegen rund um und durch Frankfurt bewege, hätte ich ihn für bekloppt erklärt. Jetzt gratulieren wir uns zu unserer eigenen Beklopptheit und sind sehr stolz. Danke, Ken von www.greffelruendsche.info, für diese schräge Erfahrung!

Im Auto schwöre ich mir trotzdem, sowas nie wieder zu machen. Aber 36 Stunden später keimt so der Gedanke, dass in den Pausen- und Pannenzeiten ja noch deutliches Optimierungspotenzial liegt. Eigentlich kann man die 23 Stunden nicht so stehenlassen…

Text: Kirsten Krauthäuser

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